Unser Verständnis von Inklusion

Inklusion bedeutet die absolute Gleichstellung von behinderten und nicht behinderten Menschen. Sie betrifft die gleichberechtigte Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben genauso wie am Arbeitsleben. Festgeschrieben ist das Recht auf Inklusion in der UN-Behindertenrechtskonvention.

Niemand wird dieses Recht anzweifeln oder in Abrede stellen. Dennoch gibt es die unterschiedlichsten Pro- und Contra-Argumente zum Thema „Inklusion“ und es wird auf verschiedene Art und Weise ausgelegt und bewertet.

Wir haben eine sehr klare Haltung dazu, die vom Mainstream abweicht. Selbstverständlich treten wir für barrierefreie Räume, für das uneingeschränkte Recht auf Bildung und Arbeit und für einen freien Zugang zur Teilhabe an allen gesellschaftlichen Aktivitäten ein.

Gleichzeitig haben wir uns als Eltern seit vielen Jahren mit den Bedürfnissen, Wünschen und Sehnsüchten unserer geistig behinderten Kinder auseinander gesetzt und kennen ihre Möglichkeiten, Grenzen und Ängste.

Unsere Haltung zur Inklusion lässt sich in vier Sätzen zusammenfassen:

1. Problematisch finden wir es, wenn pauschal von „Menschen mit Behinderung“ gesprochen wird. Geistig behinderte Menschen haben in vielerlei Hinsicht andere Bedürfnisse und Einschränkungen als normal intelligente Menschen mit Körper- oder Sinnesbehinderungen. Pauschalurteile darüber, was behinderte Menschen benötigen verbieten sich aus unserer Sicht genauso generalisierte Aussagen zu ihrer Lebensqualität.

2. Wir verfolgen den sich wandelnden Sprachgebrauch im sozialen und pädagogischen Kontext mit Sorge. Wenn aus Altenheimbewohnern und Patienten Kunden werden oder wenn bei ambulant betreuten behinderten Menschen die „psychosozialen Schlüsselqualifikationen“ gefördert werden, mit dem Ziel, sie zu „Unternehmern in ihrer eigenen Sache“ auszubilden, fragen wir uns, ob damit in jedem Fall die Wirklichkeit abgebildet werden kann, oder ob die neue Terminologie dazu beitragen kann, die Lebenssituation hilfebedürftiger Menschen zu verschleiern.

Im Zusammenhang mit der Betreuung der uns anvertrauten Menschen haben für uns die alten Begriffe wie Hilfe, Schutz und Geborgenheit Bestand.

3. In der Präambel der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es, Behinderung entstehe erst aus der Wechselwirkung zwischen „Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern“.

Dies gilt sicherlich für einen Rollstuhlfahrer, der nicht in der Lage ist, eine Treppe zu überwinden. Schwieriger wird es geistig behinderten Menschen. Die Freiheits- und Entscheidungsspielräume, die ihnen in bester Absicht zugemutet werden, überfordern ihr Orientierungs- und Urteilsvermögen häufig. Wenn geistig behinderte Menschen z.B. im Rahmen des persönlichen Budgets ihre „Assistenzleistungen“ einkaufen können und damit zum „Arbeitgeber“ nicht behinderter Menschen werden, kann sich die gute Absicht ins Gegenteil verkehren. Denn damit werden sie den Interessen des freien Marktes preisgegeben.

4. Wir beobachten die unbeabsichtigten Folgen der Inklusion mit Skepsis. Ob in Schulen, Werkstätten oder Wohneinrichtungen –die Inklusion sorgt für eine Ausdünnung der Angebote, die sich auf die besonderen Belange von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ausgerichtet haben.

Zurück bleibt oft eine kleine Gruppe schwerst mehrfach behinderter Menschen, deren Teilhabe schon deshalb versagt bleibt weil es kaum noch Mitschüler, Kollegen oder Mitbewohner gibt, mit denen sie Kontakt pflegen können.

Es darf nicht sein, dass im Namen der Inklusion immer weiter ausgesondert wird. Daher haben wir die folgenden Ziele für unsere Arbeit formuliert.

Wir treten dafür ein, …

  • dass Menschen mit Behinderung nicht ausgesondert, aber auch nicht versprengt und der Vereinzelung preisgegeben werden
  • ihnen „Normalität“ nicht verordnet wird, sondern, dass sie das Recht auf ihr Anderssein haben mit allen daraus entstehenden Bedürfnissen und Bedürftigkeiten
  • dass ihr Recht auf Selbstbestimmung realisiert wird, ohne dass dabei ihr Recht auf Hilfe, Schutz und Unterstützung durch die Gesellschaft geschmälert wird
  • dass sie die Gesellschaft und Akzeptanz nicht behinderter Menschen erfahren, ohne auf die bewusst geförderte Gemeinschaft und Solidarität mit anderen behinderten Menschen verzichten müssen
  • dass sie dauerhaft und auf allen gesellschaftlichen Ebenen die Gelegenheit erhalten, ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt zu beweisen, wie wichtig und unverzichtbar ihr Mitwirken für das Gemeinwesen ist.

Diese Haltung hat nicht nur unser Leitbild mitbestimmt, sondern sie ist die Basis für unser tägliches Handeln.