Unser Leitbild

1. Präambel

Der Verein Gabriel e.V. setzt sich in Schleswig-Holstein und Hamburg seit vielen Jahren für die Belange behinderter, von Behinderung bedrohter und für sozial benachteiligte Menschen ein.

1996 aus einer Elterninitiative entstanden, hat der Verein im Laufe der Jahre zahlreiche Projekte im Bereich Arbeit, Wohnen, ambulante und stationäre Betreuung, Familienhilfe, Bildung und Kultur sowie Beratung und Freizeitgestaltung geschaffen und etabliert. Der Verein Gabriel e.V. versteht sich als ein Zusammenschluss von Menschen, denen eines gemeinsam ist: Der feste Wunsch und Wille, Lebensperspektiven für Menschen mit Behinderung zu schaffen, die ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention garantieren und die ihnen dabei helfen, ihren individuellen Lebensweg zu beschreiten und ihre Persönlichkeit frei zu entfalten.

In all unseren Projekten und Tätigkeitsbereichen streben wir die vom Inklusionsgedanken getragene Gemeinschaft an, in der behinderte und nichtbehinderte Menschen in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung miteinander arbeiten, agieren und kommunizieren. Jeder Einzelne soll für sich und im Sinne des Ganzen seine Vorstellungen, Fähigkeiten und Ziele einbringen und verwirklichen können. Zu dieser interaktiven Gemeinschaft zählen Menschen mit Behinderungen ebenso wie Mitarbeitende, Eltern, Förderer und Freunde.

Auf Basis eines christlich-humanistischen Menschenbildes stehen im Zentrum unserer Zielsetzungen das Erkennen, Pflegen und Fördern der individuellen Persönlichkeit aller uns anvertrauten Menschen. Die Herstellung und Wahrung eines wertschätzenden, offenen Dialogs zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen stellt einen Schwerpunkt unserer Arbeit dar.

Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt, was es noch nicht gegeben hat, etwas Erstes und Einziges.

Dieses Zitat von Martin Buber ist uns Richtschnur und Aufforderung zugleich. Wir gehen davon aus, dass jedem Menschen ein unversehrter Wesenskern innewohnt, den es in seiner ganzen Einmaligkeit und Kostbarkeit zu erkennen und zu würdigen gilt. Im Fokus unserer Arbeit steht das Motto: Das Neue wagen, das Alte bewahren.

Als eine Einrichtung, die der gesellschaftspolitischen Entwicklung der Behindertenhilfe aufgeschlossen, interessiert, aber auch kritisch gegenüber steht, verwenden wir die im Zeichen des Paradigmenwechsels geprägte Terminologie nur da, wo sie mit unseren Überzeugungen und Standpunkten übereinstimmt. So verstehen wir auch althergebrachte Ausdrücke wie Hilfe, Schutz oder Betreuung nicht als Synonyme für eine sich dahinter verbergende Ausgrenzung, sondern als bewährte, unmissverständliche Begriffe, die für alle Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen ihre Bedeutung haben. Wir sprechen von gesunden, alten, jungen oder kranken Menschen und benutzen in sinnfälliger Analogie auch den Terminus des behinderten Menschen.

2. Personenkreis

Unsere Angebote richten sich an Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und unterschiedlichstem Unterstützungsbedarf. Darüber hinaus stehen einige unserer Angebote auch Angehörigen behinderter Menschen, Menschen, die von Behinderung bedroht sind und sozial benachteiligten Menschen offen. Auf dem Hintergrund einer gemeinsamen Wertehaltung sind bei uns Menschen jeder Nationalität und Religionszugehörigkeit willkommen.

3. Zielsetzung

Ziel unserer Arbeit an allen Einsatzorten ist es, weltaufgeschlossene, von Toleranz und Verständigung bestimmte Lebensräume zu schaffen, in denen Menschen mit Behinderungen ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprechend gefördert und unterstützt werden. In allen Bereichen gehen wir von einem systemischen Ansatz aus, der die Ganzheitlichkeit und Wechselwirkung menschlicher Existenz zugrunde legt. Dieser Ansatz beinhaltet die individuelle, alle Lebensbereiche umfassende und einschließende Förderung der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden uns anvertrauten Menschen. Darüber hinaus sehen wir es als unsere Aufgabe an, einen gesellschaftlichen Beitrag zur Integration und Inklusion zu leisten, ohne dabei das Schutzbedürfnis behinderter Menschen außer Acht zu lassen.

4. Unser Verständnis von Integration und Inklusion

Wir sehen die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention als wichtig und zukunftsweisend für die Lebensqualität behinderter Menschen in unserer Gesellschaft an. Wir sehen aber auch den noch vorhandenen Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Realität und ethischem Postulat.

Wir gehen davon aus, dass die Inklusion behinderter Menschen in die Gesellschaft nur gelingen kann, wenn die Bedingungen zu ihrer Realisierung flächendeckend und gesamtgesellschaftlich gegeben sind. Integration im Sinne von Bereitstellen individueller und kollektiver Schutzräume halten wir im Blick auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Menschen für notwendig.

Dabei sehen wir die Ausgewogenheit von notwendigem Schutz und anzustrebender Verselbständigung des Einzelnen als wichtigste Voraussetzung für persönliche Lebensqualität. Ins Zentrum unserer pädagogischen und menschlichen Verantwortung stellen wir den individuellen Unterstützungsbedarf der behinderten Menschen. An diesem entscheidet sich das Maß der gebotenen Hilfe und Begleitung.

5. Unser Welt- und Menschenbild

Unserem Denken und Handeln liegt ein ganzheitliches, christlich-humanistisch geprägtes Menschen- und Weltbild zugrunde. Das bedeutet, dass wir der Schöpfung mit Ehrfurcht und unseren Mitmenschen mit Achtung und Wertschätzung begegnen.

Das Eigentliche des Menschen, sein wahrer, geistiger Wesenskern, ist immer gesund. Diese Überzeugung prägt unsere Haltung den sich uns anvertrauten Menschen gegenüber. Wir gehen davon aus, dass, unabhängig von biographischen und genetischen Bedingungen, in jedem Menschen ein unvergleichbarer, einzigartiger und grundsätzlich unversehrter Wesenskern ruht. Aus dem Zusammenspiel von sozio-kulturellen, biographischen, genetischen und individuellen Faktoren ergibt sich die besondere und subjektive Persönlichkeit – das Ich eines Menschen. Dieses Ich ist nicht nur entwicklungsbedürftig, sondern vor allem entwicklungsfähig. Ein Leben lang. Diesem Ansatz entsprechend umfasst unsere Hilfe den Menschen von seiner Entstehung im Mutterleib an bis hinein ins hohe Alter.

Grundlage unserer Arbeit ist das für alle Lebensalter gültige Interesse an den Einzelkomponenten Umwelt, Vererbung, Biographiearbeit und Mitgebracht-Geistigem. Die aus diesen Begegnungen und Wahrnehmungen gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten werden für uns zur Grundlage eines achtsamen und verantwortungsbewussten Umgangs mit den behinderten Menschen und ihren Angehörigen.

Grundsätzlich steht der behinderte Mensch mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Interessen im Mittelpunkt unseres Denkens, Planens und Handelns. Am Maß seiner Zufriedenheit entscheidet sich die Qualität unserer Arbeit. Immanentes Ziel unserer Arbeit an jedem Ort und in jedem Zusammenhang ist daher die Realisierung und Bereitstellung optimaler Bedingungen für die positive, kreative und nachhaltige Entwicklung des Einzelnen wie des jeweiligen Kollektivs.

6. Dialog und Interaktion

Die Begegnung aller Menschen bei Gabriel e.V. geschieht auf der Grundlage von Nächstenliebe, Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung. Daraus ergeben sich unsere Anforderungen an Kommunikation und Interaktion, denn ihnen liegt das dialogische Prinzip zugrunde, das in unserem Verständnis von einer symmetrischen Kommunikation und einem gleichberechtigten Miteinander ausgeht.

Der dialogische Prozess, wie wir ihn anstreben, nimmt den Kommunikationspartner ernst, berücksichtigt seine spezifischen, individuellen Voraussetzungen und seine sozialen und sprachlichen Kompetenzen.

Verstehen und Verständnis sind zentrale Parameter für eine gelungene und gleichberechtigte Kommunikation auf sämtlichen unserer Handlungsebenen. Das bedeutet, dass in der Begegnung mit behinderten Menschen stets darauf geachtet wird, ein mögliches Leistungsgefälle durch einen Dialog in Augenhöhe zu überbrücken.

7. Selbst- und Mitbestimmung

Selbst- und Mitbestimmung erachten wir als ein Grundbedürfnis und Grundrecht menschlichen Seins. Wir helfen den uns anvertrauten Menschen dabei, die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung realistisch zu erkennen und einzuschätzen und begleiten sie getreu unserem Leitsatz: So wenig Intervention wie möglich, so viel Unterstützung wie nötig. Im Mittelpunkt unserer Bemühungen um die optimale Hilfeleistung steht daher das permanente Ausloten von Förderung der Verselbständigung und das intensive Wahrnehmen der Bedürfnisse bzw. Bedürftigkeiten.

In all unseren Projekten gewährleisten wir Raum für Mitbestimmung und Mitgestaltung.

8. Eltern- und Angehörigenarbeit

Als ein von Eltern gegründeter und getragener Verein ist uns die Zusammenarbeit mit den Eltern und Angehörigen der von uns betreuten Menschen besonders wichtig. Regelmäßige Elternabende, Gesprächskreise und Fortbildungen für Angehörige zählen ebenso zu unseren Angeboten wie die konsequente Einhaltung eines regelmäßigen und transparenten Informationsaustausches.

9. Ökonomie

Der verantwortliche Umgang mit den wirtschaftlichen Ressourcen wird für jeden Mitarbeiter vorausgesetzt. Die möglicherweise entstehenden Konflikte zwischen Bedürfnissituation der behinderten Menschen und den zur Verfügung stehenden Mitteln sollen transparent behandelt werden. Primär und vorrangig gelten in einem solchen Spannungsfeld die Belange der behinderten Menschen.